Overtrading vermeidest Du, indem Du nur noch die Signale mit der höchsten Qualität handelst und alles andere bewusst weglässt. Dazu gehört, einen Tag ohne Trade nicht als verlorenen Tag zu sehen, sondern als Entscheidung, die Dein Kapital schützt.
Hinter dem Drang, ständig etwas tun zu müssen, steckt ein Denkfehler, der mir in über 20 Jahren an der Börse immer wieder begegnet: «Ich muss ständig traden, um erfolgreich zu sein.» Das klingt logisch, ist es aber nicht. In diesem Artikel schauen wir uns an, woher dieser Gedanke kommt und mit welcher einfachen Frage Du ihn entschärfst.
Wie kann ich Overtrading vermeiden?
Overtrading beginnt selten mit einer bewussten Entscheidung. Es beginnt mit einem Gefühl: Ich will etwas tun, ich habe Lust, etwas zu tun. Oder etwas strenger: Ich muss doch etwas tun. Aus diesem Gefühl heraus siehst Du plötzlich Signale, die gar keine sind. Oder Du stehst vor einer Chart-Situation, bei der Du eigentlich merkst, dass es nicht ganz passt, und handelst trotzdem, weil Du endlich aktiv werden willst.
Aktionismus bringt im Trading aber überhaupt nichts. Was den Erfolg bringt, ist die Qualität der Signale und die Disziplin, nur die wirklich hochwertigen davon zu handeln. Wenn Du Overtrading vermeiden willst, setzt Du deshalb an drei Stellen an:
- Den Denkfehler erkennen: Ständiges Handeln ist kein Massstab für Erfolg.
- Nur Signale der höchsten Qualität handeln und alles, was nicht ganz passt, weglassen.
- Einen Kein-Trade nach klarem Plan als vollwertige Entscheidung anerkennen.
Warum fühlt sich ein Tag ohne Trade so falsch an?
Vor ein paar Wochen kam jemand ins Büro und sagte: «Tobias, die ersten zwei, drei Wochen im Live-Trading waren echt zäh. Es gab kaum etwas zu tun. Das war für mich schlimm.» Diesen Satz höre ich sehr häufig. Als ich nachgefragt habe, was daran denn schlimm sei, kam die Antwort: «Ich mache doch meinen Computer an, um etwas zu tun. Und dann gibt es mir kein gutes Gefühl, das Ding wieder auszumachen, ohne etwas getan zu haben.»
Im Daytrading zeigt sich das noch deutlicher. Du sitzt eine halbe Stunde, vielleicht eine Dreiviertelstunde vor den Kursen, hältst nach brauchbaren Setups Ausschau, erkennst keines und machst deshalb nichts. Und dann meldet sich die Frage: Wie soll ich rechtfertigen, dass ich diese Zeit mit Nichtstun verbracht habe?
Genau hier liegt der Kern. Das schlechte Gefühl kommt nicht aus dem Markt, sondern aus der Erwartung, dass investierte Zeit sichtbare Aktivität erzeugen muss. Wer diesem Gefühl nachgibt, tradet nicht mehr nach Plan, sondern gegen die eigene Unruhe. Das ist der Moment, in dem Overtrading entsteht.
Was haben Deine Trading-Ziele mit Overtrading zu tun?
Mir ist wichtig, dass Trader ganz am Anfang aufschreiben, warum sie mit dem Börsenhandel beginnen. Frei formuliert, gerne auch von der Seele gesprochen. Da steht dann zum Beispiel: Geld verdienen, mehr Freiraum erlangen, finanziellen Spielraum gewinnen, einen Teil der Kosten durch das Trading decken, einen Zusatzverdienst aufbauen.
Wenn ein paar Wochen später der Satz kommt «Es gab kaum etwas zu traden, das ist schlimm für mich», schauen wir gemeinsam auf genau diese Liste. Alles, was dort steht, ist richtig. Spannender ist aber die Frage: Was steht dort nicht? Nirgendwo steht: «Ich habe den ganzen Tag Langeweile, ich brauche ein neues Hobby, ich brauche etwas, um die Zeit totzuschlagen.» Niemand hat mit dem Trading angefangen, um eine Beschäftigung zu finden. Bei den allermeisten geht es darum, Geld zu verdienen.
Es ist ein bisschen wie Einkaufen mit Einkaufszettel. Wer mit Liste in den Laden geht, holt, was er braucht, und geht wieder. Wer ohne Liste durch die Regale schlendert, weil er ja nun schon mal da ist, kommt mit einem vollen Wagen heraus und vielen Dingen, die er nie gebraucht hat. Deine Ziele sind Dein Einkaufszettel im Trading.
Mein konkreter Tipp: Schreib Deine Ziele auf und leg sie sichtbar neben Deinen Arbeitsplatz. Bevor Du einen Trade eingehst, bei dem Du innerlich zögerst, liest Du sie einmal durch und fragst Dich: Dient dieser Trade meinem Ziel, Geld zu verdienen, oder nur meinem Wunsch, etwas zu tun? Die Antwort ist meistens eindeutig.

Wie viele Trades brauchst Du wirklich?
In einer der ersten Folgen unseres Podcasts haben wir einmal heruntergebrochen, wie wenig Du eigentlich pro Monat oder sogar pro Woche erzielen müsstest, um am Ende des Jahres ein sehr gutes Ergebnis zu haben, und das selbst ohne Zinseszinseffekt. Die Erkenntnis daraus: Du brauchst gar nicht so viel. Wie sich das bei Dir konkret entwickelt, hängt natürlich von Deiner Strategie und vom Markt ab, eine Garantie für die Zukunft gibt es nicht.
Wenn Du aber nicht viel brauchst, dann ist es klüger, dieses Wenige in der höchsten Qualität zu machen. Das heisst auch, dass Du auf dem Tageschart ruhig einmal einige Tage auf ein Signal verzichtest. Diese Tage sind kein Rückstand, den Du aufholen musst. Sie gehören zum Prozess.
Weniger kann hier wirklich mehr sein. Qualität vor Quantität ist der Gedanke, der Dich dauerhaft vor Overtrading schützt, weil er die Messlatte verschiebt: weg von der Frage «Wie viel habe ich heute getan?» hin zur Frage «Wie gut waren die Trades, die ich gemacht habe?»
Ist ein Kein-Trade wirklich ein guter Trade?
Ja, und zwar in einem ganz nüchternen Sinn: Wenn Du kein Signal handelst, das nicht Deinen Kriterien entspricht, hast Du kein Kapital unnötig riskiert. Das ist ein Ergebnis, auch wenn es auf Deinem Konto nicht als Buchung auftaucht.
Wichtig ist der Zusatz «nach klarem Plan». Ein Kein-Trade ist dann eine gute Entscheidung, wenn Du hingeschaut, die Situation geprüft und festgestellt hast, dass sie nicht die nötige Qualität hat. Dann darfst Du den Computer mit gutem Gewissen wieder ausmachen. Du hast nicht nichts getan, Du hast eine Entscheidung getroffen.
Wenn Du diesen Gedanken verinnerlichst, verliert die Unruhe an leeren Tagen ihre Kraft. Deine Performance und Dein Kapital werden es Dir danken, wenn Du nur noch die qualitativ hochwertigen Signale handelst und alles andere weglässt.
Hinweis: Trading ist mit Risiken verbunden. Vergangene Ergebnisse sind keine Garantie für die Zukunft. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.
Häufige Fragen
Was ist Overtrading?
Overtrading bedeutet, dass Du mehr handelst, als Deine Signale hergeben. Meist steckt Aktionismus dahinter: Du willst etwas tun und nimmst deshalb auch Situationen mit, die nicht ganz passen, statt nur die Signale mit der höchsten Qualität zu handeln.
Ist es normal, dass es in den ersten Wochen im Live-Trading kaum etwas zu tun gibt?
Ja, das kommt sehr häufig vor. Viele empfinden die ersten Wochen als zäh, weil sie mit dem Gefühl starten, ständig aktiv sein zu müssen. Wenige Signale sind aber kein Problem, sondern oft ein Zeichen dafür, dass Du sauber nach Deinen Kriterien filterst.
Woran erkenne ich, dass ich gerade aus Aktionismus handle?
Ein deutliches Zeichen ist der Gedanke «So ganz passt es nicht, aber ich habe Lust, etwas zu machen». Auch das Bedürfnis, die Zeit vor den Kursen rechtfertigen zu müssen, ist ein Warnsignal. Dann hilft der Blick auf Deine aufgeschriebenen Ziele.
Muss ich jeden Tag einen Trade machen, um erfolgreich zu sein?
Nein. Genau das ist der Denkfehler. Gerade auf dem Tageschart ist es völlig in Ordnung, einige Tage auf ein Signal zu verzichten. Ein Kein-Trade nach klarem Plan schützt Dein Kapital und ist eine vollwertige Entscheidung.
FAZIT
Weniger ist hier mehr
Du hast nicht mit dem Trading angefangen, um Dich zu beschäftigen, sondern um Geld zu verdienen. Wenn Du das vor Augen hast, wird ein Tag ohne Trade nicht zum Versagen, sondern zu einer guten Entscheidung für Dein Kapital.

